11.11.2015

hin & weg: Ein Brief an Christoph Quarch

Lieber Christoph Quarch,

es hat mich sehr gefreut, über die Internet-Plattform lovelybooks Ihr Buch hin und weg - verliebe dich ins Leben gewonnen zu haben. Schon Die Welle ist das Meer - mit den inspirierenden Gesprächen mit Willigis Jäger - trat unverlangt und unverhofft in mein Leben: es war ein Geschenk des Benediktushofs. Nun ein zweites Mal mit und von Ihnen beschenkt zu werden: das schien mir ein gutes Omen.

Da Ihr Buch in Briefen verfasst es, scheint es mir angemessen, darauf mit einem Brief zu antworten. Allerdings fällt es mir schwer, im üblichen Rezensionston über Ihr Buch zu schreiben. Zum einen bin ich mir nicht so sicher, was dieses Buch eigentlich ist: Für einen Ratgeber ist es zu philosophisch, für das Fach Philosophie wiederum zu persönlich, für etwas Autobiographisches schielt es zu sehr auf Allgemeingültigkeit. Ja: Das Buch lies mich an einigen Stellen ratlos und unzufrieden zurück.

Ihre Begeisterung, Ihre Lust an mitunter recht steilen Thesen und Ihre fehlende Scheu vor dem Pathos konnten nicht verhindern, dass ich mit einigen Teilen des Buches wenig anfangen konnte. So sind mir die Briefe an den philosophischen Freund, die das „erfüllte Leben“ behandeln, zu theoretisch geraten:

Der erotische Reifungsweg führt also vom Körperbewusstsein über das Seelenbewusstsein bis zum Geistbewusstsein.

Aha. Das hilft mir nicht viel, das ist mir zu komplex, wo es doch eigentlich nur um die Beschreibung eines sinnlich und geistig erfüllten Lebens in Verbundenheit geht. Wie Sie selbst schreiben, handelt es sich bei einem erfüllten Leben um

ein reifes Leben; ein bewusstes Leben, das frei ist von den Anhaftungen und Verstrickungen unseres Ego; ein Leben, das sich dauerhaft in der Liebe hält, intensiv und kraftvoll; ein Leben in der Liebe, voll Leidenschaft und Leichtigkeit …

Auch hier ist sie zu spüren, die Schwäche Ihres Buches: dass Sie viele Worte machen, um doch nur das klare und einfache Bild dahinter zu umkreisen. Da halte ich es liebe mit der Stille - oder mit Friedrich Hölderlin, auf dessen Werke Sie mir von Neuem Lust gemacht haben.

Es war neben dem sehr persönlichen und poetischen Anfang vor allem das grundsätzliche, wegweisende und öffnende Ende des Buches, das mich gefangennahm und weiter beschäftigen wird. An Ihre Eltern schreiben Sie über „Erotische Spiritualität“ - was am abstraktesten klingt, gelingt Ihnen am plastischsten. Indem Sie anhand weniger Kernsätze aus dem Neuen Testament darlegen, was das Christentum zur Religion der Liebe macht, zur erotischen Religion par excellence, eröffnen Sie mir als Atheisten einen neuen Zugang zum Christentum. Sie zeigen, wie Jesus zur Umkehr aufruft, zum Andersdenken.

Schaltet um von Ego auf Eros! Lasst euch in die Liebe fallen! Dort ist das Gottesreich.

Sie beschreiben kenntnisreich und nachvollziehbar, wie die Kirchen zu moralischen Institutionen wurden und der Quell der Religion in der Liebe - in der Verbundenheit, in einem umfassenden Sein - immer wieder in Gefahr läuft zu versiegen.

Ich danke Ihnen für die Bilder von Jesus als einem leidenschaftlich liebenden Menschen: in die Liebe gefallen und aus ihr heraus schöpfend.

Liebe, nur Liebe - wir haben sonst kein Werk.

An dieses Wort von Rumi denke ich in diesen Tagen oft.


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