America Fantastica
Parallel zu Timothy Snyders Buch Über Freiheit las ich in den letzten Wochen einen Krimi, der von eben jenem im freien Fall befindlichen Land handelt, von dem auch Snyder erzählt: America Fantastica – jenes (ehemalige?) Land der endlosen Möglichkeiten, der unbegrenzten Weite, jenes Land, wo der Tellerwäscher zum Millionär werden konnte. Sie wissen schon. Dieses Land ist in der Krise, und das nicht erst seit dem 20. Januar 2025.
Tim O’Brien siedelt die Handlung seines Romans sehr konkret im zu Ende gehenden Jahr 2019 an: Im Weißen Haus regiert ein „Lügner“, und ein Virus verbreitet sich rasend schnell im ganzen Land. Nein, hier ist es nicht der Corona-Virus: Der Autor vermengt in seiner satirischen Verfolgungsjagd allerlei gesellschaftliche und politische Begleiterscheinungen der Pandemie in der „Lügenkrankheit“ der „Mythomanie“:
“Der nationalen Gesundheitsbehörde zufolge löste der Ansturm der schamlosen, in sachlichem Ton vorgetragenen Lügen eine eigene Epidemie aus, eine weitverbreitete Schädigung des Geruchssinns, die eine Gefahr war, nicht nur für Verfassung und Demokratie, sondern auch für das Leben der Menschen.“
Getrieben von dieser grassierenden Welle an Lügen und Falschinformationen jagen die Figuren in O’Briens Krimifarce einander über die Highways und hinterlassen in hohem Tempo Trümmerstücke von Heist und Road Movies, von Gangsterepos, Geiseldrama und Rachedrama. Alles maximal unfreiwillig, ohne jede Aussicht auf Gewinn, als chaotische Abfolge von Unfällen, Missgeschick und Lügenwahn. Wer verfolgt hier wen? Die Frage ist nicht immer ganz einfach zu beantworten.

Da ist allen voran der Ex-Journalist Boyd Halverson, selbst einst Erfinder großartiger Fake News, der mehr aus einer Laune und der eigenen Perspektivenlosigkeit heraus eine Bank überfällt. Und verrückt: der Überfall glückt, nur dass Halverson gleich noch völlig planlos eine Bankangestellte kidnappt. Während sich die beiden auf eine Flucht durch die Vereinigten Staaten begeben, interessiert der Überfall zunächst jedoch keinen: die Eigentümer der Bank zumindest haben großes Interesse, den Überfall zu vertuschen, damit niemand auf ihre krummen Geschäfte aufmerksam wird. Das ist nur der Auftakt für eine rasante, ziemlich unübersichtlich werdende Geschichte, in der es irgendwie um alles mögliche geht, wie der Autor vorausschickt:
“Autos, Waffen, Überfälle, Spielkasinos, Verschwörungen, Filme, Geld, Road Trips, Renovierung, Eisfischen, Fast Food, Rache, Wiederbegegnungen, Vogelbeobachtung, Gott, Ehe, Shoppen, Opiode und Lügner an öffentlichen Orten“
Ein Land in freiem Fall - und ein Jeder versucht sich selbst zu retten. Kann das gutgehen? Unterhaltsam ist es in jedem Fall. In der pointierten Übersetzung von Gregor Hens erinnert America Fantastica mit seinen absurden Dialogen und Plot Twists ein Stück weit an Kinoklassiker von den Coen-Brüdern oder Quentin Tarantino - mit dem Wissen um die politische und gesellschaftliche Realität hinter dem hier überspitzt Dargebotenen bleibt einem jedes Lachen im Hals stecken.