18.07.2019

Cherubinischer Staub

Zwischen dem Schöpfer und dem Geschöpf kann man keine so große Ähnlichkeit feststellen, dass zwischen ihnen keine noch größere Unähnlichkeit festzustellen wäre.

Diese Erkenntnis, das Gott immer größer ist all unsere Erfahrungen, und dass wir von Gott immer nur indirekt sprechen können, kein Wort, kein Bild dieses Geheimnis ergründen kann, wurde schon 1215 im 4. Laterankonzil in dieser Formel festgehalten. “Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Bild,” so heißt es bei Paulus. Demut und Offenheit erwachsen aus dieser grundlegenden Annahme. Und so wie mit ihr der grundsätzlich mehrdeutige, weil poetische Charakter der Heiligen Schrift (und vielleicht aller heiligen Schriften) betont wird, wird durch sie die poetische Sprache allgemein als Ort der Gottessuche in ihr Recht gesetzt.

An der Schwelle zwischen Theologie und Poesie agiert seit zahlreichen Lyrikbänden (und mittlerweile zwei sehr lesenswerten Essayveröffentlichungen, Korinthische Brocken und Der Gott in einer Nuß) der aus Dresden stammende Dichter und Theologe Christian Lehnert. Mit dem 2018 veröffentlichten Band Cherubinischer Staub führt er sein “suchendes Sprechen” konsequent fort. In der Wirklichkeit, vor allem in der Natur, forscht er nach dem Staub, den die Diener Gottes in der Welt hinterlassen haben – kleine Partikel, in denen sich Licht und Unendlichkeit brechen, um Räume zu öffnen, die sich eben – siehe oben – nicht fassen, nicht festhalten lassen.

Das primäre dichterische Tun ist ein Lauschen. ... Ich nehme staunend auf und gebe etwas wieder,

so beschreibt Lehnert sein Schreiben in einem Interview. Nicht zufällig trägt der erste, umfangreiche Teil seines Gedichtbandes den Titel Stille ohne Maß.

Ein Großteil der Gedichte in diesem Teil sind knappe Zweizeiler. Unprätentios daherkommende, dabei extrem verdichtete Texte, strukturiert von dem Leerraum zwischen ihnen. “Wo du nur hinsiehest da ist Gott” – auf den Spuren des Mystikers Jakob Böhme widmet sich Lehnert den Erscheinungen der Natur. Beobachtungen des Unscheinbaren, des Übersehenen, des fast Unhörbaren werden kurzgeschlossen mit vertrauten sinnlichen Erfahrungen; so entsteht Sinn. Bei Lehnert aber noch etwas Wesentliches mehr: in den von ihm erfassten Erscheinungen nimmt die Welt Form an, findet eine Sprache – und erzählt in der Verknüpfung von Innen und Außen von dem nicht Benennbaren. Zwischen den Zeilen, durch die Beobachtung hindurch öffnet sich die Welt und verweist auf ein Geheimnis.

Der erste Vers: “Geräusch des eignen Lauschens”, so heißt es da, und: “das staunende Beginnen”. Von hier aus nehmen die Erkundungen Christian Lehnerts ihren Gang, konzentrischen Kreisen gleich durch das scheinbar Bekannte hin zum großen Unbekannten. Es ist eben das Mittel der Analogie, mit dem Lehnert auf engstem Raum Verbindungen herstellt, Brücken baut, in Beziehung zur Welt (und durch sie zu Gott?) tritt. Eine Art erdnahe Mystik: der Geruch von Erde, Nadelholz, totem Laub erdet diese Lyrik, und doch erschöpft sie sich darin nicht. Lehnert spricht in Anlehnung an Jakob Böhme davon, “Resonanzmöglichkeiten in der Wirklichkeit zu erkunden”.

So erweist sich der Cherubinische Staub als wahrhaftes Zaubermittel. Tastend, staunend, schweigend, lauschend werden andere Ordnungen von Raum und Zeit erahnbar, und inmitten flüchtiger Augenblicke bleibt ein Geschmack (nicht mehr) von der Unendlichkeit. Christian Lehnert lauscht in seinen Gedichten den Spuren des Unsagbaren nach, die nur im Nachspüren, nicht im Ergreifen, nein, nicht zu haben, zu suchen sind.

Ich habe nicht, was ich sagen will,

und daraus erwächst großes Glück für den Leser. Die kurzen Zeilen wachsen mit jedem Lesen, wollen weitergesagt, weitergebetet, weitergeschrieben werden. Es sind Zeilen, um mit ihnen, in ihnen zu leben: ein kostbares, kaum zu ergründendes Brevier. Über ein Jahr kehrte ich immer wieder zu den gleichen Texten zurück, kaum je habe ich so viel Zeit in einem Gedichtband verbracht. Und über die Zeit schien mir, als würde sich mein Blick verwandeln, und jedes Mal anders würde ich aus dem Buch wieder aufblicken.

Wo ist GOtt?

Das Undeutliche, GOtt, kann dies und jenes sein.
Wo immer du IHn suchst, schließt ER dich in sich ein.

Christian Lehnert: Cherubinischer Staub. Gedichte. Suhrkamp 2018


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