01.04.2010

Das Licht, die Schatten, der Staub

Kaum die Fensterläden geschlossen, so dass das in Streifen einfallende Tageslicht den Staub im merklich kühleren Raum aufwirbelt, schon beginnt der Film Noir. Ein Weiberheld, ein Loser, der ewige Rechthaber dreht sich auf dem Bürostuhl um und treibt die kessen Blondinen in die Enge. Natürlich die Identifikationsfigur schlechthin mit seinen flotten Sprüchen, schnell gerauchten Zigaretten, gesunder Skepsis und vertrauten Schwächen.

Liest man sich durch die drei zu Ende gebrachten Romane Jörg Fausers, ist es nicht nur so, dass man die Läden gar nicht mehr öffnen möchte, so sehr zieht es einen in das Zwielicht hinein. Man erlebt vor allem von Roman zu Roman eine Beschleunigung und einen Sog, den es bis zum Erscheinen vom SCHNEEMANN (1981), von ROHSTOFF (1984), zuletzt vom SCHLANGENMAUL (1985) in der deutschen Literatur wohl kaum gegeben haben dürfte. Fauser macht es wie das Licht hinter den Jalousien im Film Noir – er konzentriert sich von Buch zu Buch immer mehr auf die schmalen Schlitze, durch die die Wirklichkeit astrein gefiltert in den Raum, die Handlung, das Buch dringt. Keine Ausschmückung, keine „Posen“, wie er es nannte, keine Literatur um der Literatur willen. Nur die reine Geschichte, finster wie Kaffeesatz, mit Figuren, deren Umrisse scharf gezeichnet sind im Gegenlicht, und der Staub, den Fauser aufgreift, ist nicht weniger als der Dreck der bundesdeutschen Realität, der – richtig aufgelesen, verdreht, kombiniert, zusammengesetzt – im Dunkeln Funken sprüht.

Fausers Romane werden schneller, zwangsläufiger und abgedrehter – und vor allem: Sie werden besser von Buch zu Buch. Was man schon bei der Lektüre des ersten, dem SCHNEEMANN, nicht für möglich halten möchte. Selten ein fulminanterer Start in einen deutschen Roman wie in dieser Thriller-Persiflage, die Agentenkrimis ebenso aufgreift wie Verschwörungsszenarien aus Drogenhandel und internationaler Geheimdienstkrämerei, die Action des 70er-Jahre-Kinos, den Witz des alten neuen Heist-Genres. Welches damals wahrscheinlich gerad im Sterben lag. Wie der sympathische Hochstapler Blum da in die Affäre seines Lebens hineingezogen wird – großes Kino. Alle hängen mit drin, CIA und BND, der Drogenboss ist gleichzeitig Firmenberater, und Porno ist witzig. In einem Uptempo-Action-Streifen ginge das nicht besser, was Fauser hier hinbekommt – dass man nach jedem Punkt in den nächsten Satz springt, weil die Handlung keinen Moment zum Stillstand kommen darf, weil man den nächsten Zug braucht, und weil überhaupt die ganze Welt am seidenen Faden dieser Story hängt, die so unglaublich sein muss, bigger than life, weil wahr nur das ist, was uns überredet, daran zu glauben. Und wie in jedem guten Action-Streifen lässt einen Fauser kaum die Luft zum Atmen, um nur einen Moment Distanz zwischen sich und das Gelesene zu bringen und sich zu fragen: Spinnt der? Auch wenn der SCHNEEMANN in der zweiten Hälfte ein wenig schwächelt, weil das Schema der Handlung, dieses ewige Misstrauen, die Paranoia, die Unsicherheit des Helden etwas zu absehbar gerät, vergisst man am Ende, nachdem man den Roman in höchstens zwei Sitzungen durchgezogen hat, die Rollläden zu öffnen. Man macht gleich weiter.

Ein wenig teilt der autobiographische Roman ROHSTOFF die Schwächen vom SCHNEEMANN; dem sich tastenden Aufbegehren von Harry Gelb folgt natürlich immer wieder der Fall, dem das nächste Aufstehen, auch: Aufstand, folgt. Immer gegen die herrschende Ordnung, welche das auch gerade ist. Immer voller Verunsicherung, voller Fragezeichen, immer aber auch mit einem Hauch Arroganz, Höhenflug, oder einfach: Stolz, gepaart. Hier wird der 68er-Mythos der BRD ebenso einer Revision unterzogen, wie jeder andere Mythos auch. Weil da einer ist, der nie den Punkt, das Einverständnis, die Unterschrift drunter setzen möchte. Die Wirklichkeit zeigt ihre kalte Schulter – und es ist sehr kalt im Bundesdeutschland der 70er Jahre.

Die rosigen 80er sind in Fausers Version das Schmutzigste, was ein deutscher Autor in einem Thriller je beschrieben hat. DAS SCHLANGENMAUL fängt an als wenig originelle Chandler-Kopie, und Heinz Harder wird lange den lustigen, coolen Philipp Marlowe nicht ganz los. Aber durch das Schattenmuster der hardboiled novel hat Fauser etwas sehr Eigenes gefiltert, und tief gräbt er sich mittels der dankbaren Folie des amerikanischen Krimigenres in den Dreck deutscher Politik und Gesellschaft. Was er im ROHSTOFF in der Abweichung, in der Verneinung infrage stellt, das seziert er hier in einem grandios spekulativen, wahnsinnig spannenden, heftig unterhaltsamen Kriminalroman. Die Recherche von Harder, der beauftragt ist, ein verschwundenes Mädchen aus der niedersächsischen Provinz wiederzufinden, zieht immer weitere Kreise im von Korruption, Gier, Gewalt verdorbenen West-Berlin. Prostitution, Erpressung, Sektiererei – kann man alles haben. Aber vor allem einen weiteren von diesen magnetisch anziehenden, coolen Anti-Helden, die allein schon deshalb Recht haben müssen, weil die Welt hinter den Jalousien so vertrackt verdorben ist.


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