Drei

Woher kommt eigentlich, so fragte ich zuletzt an dieser Stelle, diese Kreuzung von Kriminalliteratur und Reiseführer, die uns mit einer Unmenge mehr oder minder kauziger Kommissare aus allen Ecken Deutschlands / Europas / der Welt versorgt und deren Ermittlungen mit einer ebensolchen Unmenge an kulinarischen und kulturellen Kleinlichkeiten zukleistert, bis die Story vor lauter Lokalkolorit und originellen Charakteren vor die Hunde geht? Okay, das ist ein wenig zugespitzt formuliert, aber von Aristoteles bis Simenon war doch eigentlich klar: it’s the economy, stupid.

Und dann fällt mir dieses Buch auf den Nachttisch und sorgt für drei schlaflose Nächte in Folge.

Eins.

Dror Mishani erzählt so ökonomisch wie möglich, das heißt: mit sparsamsten Mitteln. Kürzestmögliche Sätze. Wenige Figuren. Nur keine überflüssige Charakterisierung. Einzig die bloße Handlung, in kleinen, fast banal wirkenden Schrittchen vorangetrieben. Bis man – und das geschieht in diesem Buch mindestens dreimal - in den Abgrund blickt, der sich unter der Banalität auftut.

Zwei.

Mishani schreibt keinen Reiseführer. Und das Wort Krimi ist fast zu sanft für diesen langsam und dreifach sich entfaltenden Psychothriller. In diesem, sorry, Pageturner erzählt er in drei Episoden von drei ganz unterschiedlichen Frauen und einem Mann. Und nebenbei, obwohl er dem keinen einzigen zusätzlichen Satz widmet, eine Menge vom Leben im heutigen Israel. Weil Mishani seinen Figuren dermaßen auf die Pelle rückt, dermaßen nahe kommt, dass man die Welt durch ihre Augen, unvermittelt, unreflektiert und irgendwann auch verloren inmitten ihrer ganzen Unübersichtlichkeit, wahrnimmt.

Drei.

Die Episodentechnik kennt man natürlich vom Film. Drei Geschichten, mehr oder weniger lose miteinander verknüpft, mit einer Wendung, die mehr oder weniger überrascht. Dror Mishani überrascht nicht nur. Mishani zieht einem den Boden unter den Füßen weg. Irgendwann, in der Mitte der ersten schlaflosen Nacht, am Ende des ersten Teils, fühlte es sich an, als versetze mir der Erzähler einen Schlag auf den Hinterkopf, zöge mich in die Luft und drohte mich fallen zu lassen – wenn ich nicht weiterlesen würde.

Mein Herz raste. An Schlaf war nicht mehr zu denken.

Dieser Suspense stellt sich völlig unvorbereitet, ganz unangestrengt, von einem Moment auf den anderen ein. Zunächst verfolgt man die Lehrerin Orna, frisch geschieden, ein Sohn, wie sie über ein Dating-Portal eine Beziehung zu einem Rechtsanwalt anfängt. Lange Zeit passiert außer der allzu vertraut scheinenden, mühseligen, unsicheren Annäherung nichts Aufregendes. Doch der Eindruck trügt, wie sich dann, siehe oben, von jetzt auf gleich zeigt.

Über dieses Buch darf man eigentlich nichts verraten,

schreibt der Verlag auf seiner Website. Deshalb mache ich an dieser Stelle auch Schluss. Nur soviel: Dror Mishani gelingt eine bestürzende Schilderung der Suche nach Halt und Vertrauen in einer fremden, alles andere als vertrauenerweckenden Welt. Das Gefühl der Haltlosigkeit, der Heimatlosigkeit, das im Laufe des Romans zunimmt, erinnert an die beklemmenden Szenen aus David Lynchs Mulholland Drive. Und wie dort überträgt sich die Irritation, die Orientierungslosigkeit irgendwann auf den Leser. Mit der Folge, dass sich die im Laufe des Buches unerträglich werdende Spannung nur ertragen lässt, indem man weiterliest, Seite für Seite für Seite. Das Verlangen nach Auflösung, nach Erleichterung war selten größer. Doch lässt es sich stillen? Noch dazu, wenn man sich – wie seine Figuren – in der Hand eines Autors befindet, der sehr genau weiß, wie er mit sparsamsten Mitteln größten Aufruhr anrichten kann?

Dror Mishani: Drei. Aus dem Israelischen von Markus Lemke. Diogenes 2019