20.12.2017

Die Kunst ein kreatives Leben zu führen

Man muss sich Frank Berzbach als leidenschaftlichen Leser vorstellen; als einen, der mindestens fünf Bücher aus mindestens ebenso vielen Themengebieten gleichzeitig liest und das Gelesene zusammendenkt, um dieses – nur scheinbar Unzusammenhängende – dann dem Leser mit viel Klarheit, Bestimmtheit und auch Leidenschaft nahezubringen. So sind denn Berzbachs Bücher – neben Die Kunst ein kreatives Leben zu führen zum Beispiel der daran anknüpfende Band Formbewusstsein – Zitatmaschinen, Versuchsanordnungen, Zeit- und Kulturreisen und durchaus persönlich gemeinte Anregungen, über die eigene Lebensführung nachzudenken. Gut informiert, versteht sich.

Wie tragen Formen zu unserer Lebensqualität bei?

Ich muss zugeben, das ist mir in dem Eklektizismus, der diesem Vorhaben innewohnt, manchmal fast zu viel; gleichzeitig gelingen Berzbach dadurch aber erstaunliche Verknüpfungen, die im besten Sinne des Wortes Sinn machen.

Was bitte hat die benediktinische Regel des "Bete und Arbeite" (ora et labore) mit der heutigen Arbeits- und Lebenswelt zu tun? Wie sieht die – ja andernorts stark umstrittene – Schnittmenge zwischen christlicher Spiritualität und Zen-Meditation aus? Und was hat das japanische Tee-Ritual zu einem anderen Verhältnis zu Arbeit und Leben beizutragen?

In seinem schmalen Büchlein versucht Berzbach einen Rundumschlag in Sachen Lebenskunst. Zwar lehnt er sich an Joseph Beuys' erweiterten Kunstbegriff an, demzufolge es kreatives und unkreatives Handeln in allen Sphären und Berufsfeldern geben kann, dennoch schreibt Berzbach vor allem für die heutige "kreative Klasse" in Agenturen, an Hochschulen, in Coworking Spaces und im Homeoffice. Er schreibt über das Verhältnis des Kreativen zum Geld, über Erfolgsdruck und die Gefahr der Depression. Er fragt nach dem Warum der Arbeit und nach dem Stellenwert von einfachen, praktischen Tätigkeiten. Antworten – oder besser Wegweiser – findet er bei dem Benediktinermönch Anselm Grün, bei dem Zen-Meister Brad Warner oder bei Robert Pirsig und seinem Buch Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten.

Arbeitskunst = Lebenskunst

So unterscheiden etwa die Benediktiner in Sachen Motivation und Energiequellen zwischen trüben Quellen wie Ehrgeiz, Konkurrenz, Perfektionismus und der klaren Quelle des Heiligen Geistes. Berzbach führt aus, wie Sinn, Haltung und ethische Grundlagen entscheidend sind – nicht nur für den Erfolg unserer Arbeit, sondern auch für unsere Gemütslage und die uns zur Verfügung stehende Energie. Und da Arbeit und Leben in Berzbachs Perspektive nicht getrennt werden können, entscheidet sich mit der Qualität der Arbeit eben auch die Qualität unseres Lebens.

Wo Berzbach entlang christlicher oder buddhistischer Leitlinien konkrete Szenarien für eine Lebens- und Arbeitskunst entwirft, habe ich seine Anregung zu Achtsamkeit mit viel Gewinn gelesen. So hält er den im Trend stehenden Großraumbüros die Rückzugsmöglichkeit der klösterlichen Zelle und der Wertschätzung von Team-Geist und Kollaboration Kontemplation und einsame Kreativität entgegen:

Die moderne Büro-Architektur hat es geschafft, das konzentrierte Arbeiten ins Homeoffice abzudrängen. ... Teamfähigkeit, ständige Erreichbarkeit, Großraumbüros, transparente Architektur und zu große finanzielle Unsicherheit sorgen für Konformität und sie sind Gift für kreative Lebewesen.

Kreativität ist eine stille Angelegenheit

Wie schulen wir unsere Konzentration? Was lernen wir in der Stille? Und was geschieht, wenn wir wirklich einmal zur Ruhe kommen? Wir kommen unserem Denken auf die Spur. Berzbach umreißt auf wenigen Seiten, wie Zweifel, Ängste, Unzufriedenheiten entstehen – und wie aus Gewohnheiten und Mustern die Stäbe werden, die uns die Sicht auf die Welt verstellen.

Die inneren Käfige sind aus Gedanken gebaut. Das Denken selbst kann also keine Hilfe sein, um die Gitterstäbe zu lockern.

Damit ist die Bühne bereitet für – großer Auftritt – die Achtsamkeit. Achtsam lernen wir, Abstand zu nehmen von unseren Gedanken, wir lernen, uns zu konzentrieren und uns neu einzulassen. Wir lernen uns zu beobachten, unsere Ängste zu erkennen und auf Kritik und Tadel zugunsten von Wohlwollen und Akzeptanz zu verzichten.

Allheilmittel Achtsamkeit

Auf der tiefsten Ebene geht es bei der Achtsamkeit um Freiheit,

zitiert Berzbach Shauna Shapiro und Linda Carlson. Der Kreative findet in der Spiritualität eine verlässliche Grundlage, wie Berzbach im letzten Drittel seiner "Lebenskunst" ausführt. Über die positiven Wirkungen von Meditation und die Ästhetik des Zen schlägt Berzbach die Brücke hin zu "zen-basierter Achtsamkeit" und zum japanischen Tee-Ritual. Das geht mir dann doch etwas zu schnell, zu einfach, zu ratgeberhaft.

Lese ich diesen Text, wie es der persönliche Ton des Autors nahelegt, als subjektive Beschreibung einer Lebensführung, vermag er mich zu beeindrucken und zu inspirieren; rückt er mir, noch dazu im Gestus der Wissenschaftlichkeit, als Programm und Theorie auf den Leib, dann rücke ich schnell ab. Als konkrete Praxis, als individuelle Erfahrung ist Zen-Meditation in hohem Maß relevant; werden mir hingegen Meditation und Achtsamkeit als Allheilmittel für den problemgebeutelten Alltag empfohlen, auf Basis mehr oder weniger wissenschaftlicher Argumente und verallgemeinernder Hinweise, überwiegt bei mir hingegen die Skepsis.

Wo Achtsamkeit zum kreativen Imperativ und zum Korsett wird, fehlt mir der konkrete, immer auch individuelle "Geschmack"; so hoch ich die Tasse Tee schätze, die Berzbach am Ende als Mittel der Unterbrechung von Routinen und Mustern empfiehlt – einem Anderen schmeckt eben dies gar nicht, und warum sollte es auch?

Frank Berzbach: Die Kunst ein kreatives Leben zu führen. Anregung zu Achtsamkeit. Verlag Hermann Schmidt 2013.
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