04.01.2019

Fuck you very much

Jack Price ist Drogengroßhändler im Internetzeitalter. Das allein wäre noch keine Story wert. Die Story beginnt wie so oft, weil etwas Unvorhergesehenes, Unerhörtes geschieht, in diesem Fall: ein scheinbar sinnloser Mord an einer alten Dame, eine Etage unter der Wohnung von Jack Price. Und die Story nimmt ihren Lauf, weil es kaum etwas auf dieser Welt gibt, das Price so sehr schätzt wie eine gute Geschichte. Sein Leben vielleicht noch. Danach kommt eine ganze Weile nichts.

Ein Businessplan auf zwei Beinen

Jack Price ist die Verkörperung eines Geschäftsmannes, der auf Teufel kaum raus erfolgreich sein will, sein muss. The price you pay ist der Originaltitel des unter dem Pseudonym Aidan Truhen veröffentlichten Kriminalromans. Damit ist die Gegenwartsdiagnose auf den Punkt gebracht. In dieser, in grobem Schwarzweiß gezeichneten Welt hat alles und jeder seinen Preis. So wie alles sterblich ist, ist alles käuflich. Wer am längsten überlebt, beweist seinen Wert gegenüber denen, die als Leichen seinen Weg pflastern...

Geschäft ist Geschäft. Das ist alles.

Der sich hinter dem Pseudonym versteckende Autor beschreibt einen bis zur letzten Konsequenz pervertierten Kapitalismus, in dem der die Nase vorn hat, der seinen Preis in die Höhe zu treiben versteht. Gemessen an diesem Maßstab liegen der Autor und sein Protagonist ziemlich gleichauf: beide wissen, dass es dabei nicht nur auf Handwerkszeug ankommt, sondern auch und vor allem auf möglichst gutes Marketing.

Jack Price ist nicht nur clever, er ist vor allem kreativ. Er ist ein begnadeter, etwas zu selbstverliebter Storyteller, der weiß, dass sein Leben nur so viel wert ist, wie die Story, die er darüber zu erzählen hat. Storytelling ist ja schon seit einigen Jahren eine der heiligen Kühe in der Werbung: Packe dein Produkt dick in Emotionen ein, erfinde dir einen Helden, sorge für Identifikationsmöglichkeiten, konstruiere einen Spannungsbogen, versprich ein möglichst gutes, möglichst fettes Ende. Vor das eigentliche Produkt tritt eine überzeugende Fiktion, an die Stelle rein sachlicher Verkaufsargumente treten Psychologie und Emotionen.

Was könnte an einem nicht sonderlich sympathischen, um sein Überleben kämpfenden Unterwelts-Dandy interessant sein? Natürlich seine Performance.

Kaffeekönig – Kokskönig – Killerkönig

Wissen Sie, was ich nicht aushalte? Grautöne, feine Unterscheidungen, Unklarheit, so berechtigt sie sein mag. Ich hasse die Zurückhaltung, die wir uns auferlegen, nur weil wir höflich und vernünftig und vor allem maßvoll sein wollen. Das alles kann ich auch, aber dabei versteinert einem das Herz.

Deshalb nimmt Price die Herausforderung ohne Zögern an, die der eingangs erwähnte Mord darstellt. Als seine Gegner entpuppen sich die "Seven Demons", ein höchst legendärer erfolgreicher Killertrupp, hochprofessionell und spezialisiert auf perfekt ausgeführte Auftragsmorde: "die unerreichbaren Oberpriester des gesamten kriminellen Universums und der ganzen Welt."

Was nun folgt, ist die gnadenlose Selbstinszenierung eines Mannes, der nicht scheitern kann. Die Außenwelt bleibt nebulös, auch die Gegner lernt der Leser nur durch die selbstverliebten Schilderungen des Jack Price kennen. Der braucht nicht viel, um für den Kampf gegen die sieben Killer ein wahres Inferno zu entfesseln. In seiner Story gibt er sich als eine Mischung aus technologisch innovativem James Bond und knallhartem Jack Bauer, ausgestattet mit dem rhetorischen Geschick eines Quentin Tarantino in einer Welt, die so finster und abweisend wirkt Robert Rodriguez' Sin City. Etwas Kulturkritik liegt verstreut am Wegesrand, ansonsten gilt: Wer noch reden kann, ist noch nicht tot.

Der beste Tag in meinem Leben: Ich bin allein auf der Welt. Ich bin zum Abschuss freigegeben: Die Seven Demons sind hinter mir her.

Vom Kaffee über Drogen hin zum versierten Killer: in dieser Welt gibt es kein Gut und Böse, überlegen ist, wer überlebt. Und wer seine Story packend zu erzählen weiß.

Ein Monolog als Marionettentheater

An dieser Stelle, so ließe sich einwenden, scheitert Jack Price womöglich. Denn sein langer Monolog, der teils ziemlich wirr von einer fiesen Tötungsmaschine zur nächsten perversen Todesart mäandert, ist eine im Grunde ziemlich absehbare Mordrevue, die der Dramaturgie der langsamen Steigerung hin zum spektakulären Showdown folgen muss. Zwischendurch gähnen durchaus die ein oder anderen Löcher der Langeweile. Übertreibung, Maßlosigkeit, Hochstapelei und jede Menge Behauptungen und Anekdoten führen auf Dauer zu manchen Ermüdungserscheinungen.

Wo der Roman mich nicht zu fesseln weiß, vermag das das Hörbuch zu überzeugen. Carsten Wilhelm nimmt die One-Man-Show des Jack Price als Herausforderung an und macht aus dem neunstündigen Hörbuch ein ziemlich unterhaltsames Hörspiel für einen Sprecher und zahlreiche Figuren. Gegner und Komplizen erwachen in einer Art Marionettentheater zum Leben, was der Geschichte nicht nur ungeheuren Drive verleiht sondern auch die verzweifelte Komik aus der Selbstdarstellung des Jack Price herauskitzelt, nach der man während des Lesens immer wieder sucht.

Merke: Ist die Story auch bigger than life, ist der Held oft dennoch ein armer Wicht.

Fazit: Trotz der großspurigen Marketingmaschine weder Literatur mit Tiefgang noch eine Sternstunde der Kriminalliteratur. Was dem Selbstleser einiges an Ausdauer verlangt, hat als Hörbuch einigen Unterhaltungswert, eine Portion bitterböser Humor inklusive.

Aidan Truhen: Fuck you very much. Aus dem Englischen von Andrea Stumpf und Sven Koch. Suhrkamp 2018
Das Hörbuch, gelesen von Carsten Wilhelm, ist im Ronin Hörverlag erschienen.


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