25.04.2010

In den Fängen der Erinnerung

Den allwissenden, allmächtigen auktorialen Erzähler von all den Goethes, Jean Pauls und Manns der Literaturgeschichte kann man ja eigentlich schon lange nicht mehr ertragen. Dieser Kenntnisvorsprung – und damit die Macht – gegenüber den Figuren wirkt in der Literatur spätestens seit Existenzialismus und der Rückkehr des Fragments irgendwie anachronistisch, langweilig, selbstgenügsam. Meint man. Spätestens bis einen der Roman unserer Kindheit in den Fingern hatte. Denn der auktoriale Erzähler hier spielt seine Macht nicht nur gegenüber den Figuren aus, sondern vor allem gegenüber dem Leser. Ein Spiel, das man als Leser eigentlich nur verlieren kann. Keinen Moment lässt uns der aberwitzige Erzähler dieses „Kindheitsromans“ im Zweifel darüber, wer das Sagen und die Fäden in der Hand hat. Der unbarmherzige Witz des Erzählens besteht darin, keine Information umsonst aus der Hand zu geben. Und schon hat er, der Erzähler (die Erzählerin?), einen in seinen Fängen. Das Spiel, das ein Buch lang gespielt wird, hat etwas von dem Spiel einer Katze mit der Maus, bevor sie gefressen wird. Als Leser ist man dem ausgeliefert, blickt – in den Klauen dieser phantastischen, körperlosen Stimme – dem Dunkel der Geschichte ins Auge. Und auch, wenn das Dunkel zu Weiß wird, erkennt man nichts.

Mit dieser – vorher kaum dagewesenen – schillernden Erzählergestalt schafft Klein es, ein ganzes Genre zu überholen (und vielleicht damit auch aufzulösen). Mit der Erzählung von den acht Kindern in einem kleinen süddeutschen Städtchen irgendwann Mitte der 60er Jahre bedient er sich in dem Fundus, der von Tom Sawyer über die Fünf Freunde hin zu Stephen Kings Die Leiche (Stand by me) reicht. Kindliche Fantasien und Spiele münden während Erkundungs- oder Verfolgungstouren in Grenz- und Bewährungssituationen, wo der kriminalistische Kitzel ganz klar mit dem Kitzel der Selbsterfahrung verbunden ist. Georg Klein nun holt dieses Erzählmodell in die Gegenwart, indem er es – dank einer Reihe wirklich „ausgebuffter“ Kniffe – mit dem Gestus eines David Lynch neu schreibt. Um es kurz zu sagen: Der Roman unserer Kindheit hat mindestens so viel mit der TV-Serie Twin Peaks gemein (und hier vor allem mit ihrer letzten Folge), wie mit unserer Kindheit. Und dass es tatsächlich von unserer Kindheit zu handeln scheint, das verdankt dieses unfassbare Buch vielleicht wiederum der letzten Folge von Twin Peaks, in der Agent Cooper ein ums andere Mal in der Schwarzen Hütte verschwindet.

Das Szenario: Sommerferien in einer Neubausiedlung am Rande einer Kleinstadt irgendwo in Süddeutschland. Da stehen vier frisch hochgezogene Blöcke am Waldrand, in Steinwurfweite ein paar Läden, ein im Sommer geschlossenes Kino und ein alter Biergarten mit Kegelbahn, der seit dem Kriegsausbruch geschlossen ist. (Oder länger?) Ein paar Kinder aus den unterschiedlichen Familien bringen ihre Sonnen- wie Regentage gemeinsam: der Ältere Bruder, die beiden Zwillinge, der Ami-Michi, der Wolfskopf, der Schniefer, die Schicke Sibylle und deren kleine Schwester. Nur wenige Verbindungen reichen hinüber in die Welt der Erwachsenen, die von neuen Fernsehern, alter Arbeit, heimlichen oder offen ausgelebten Begierden, Krankheiten und Süchten, alles in allem einem Schwebe gehaltenen Zustand zwischen Tristesse und Hoffnung gezeichnet ist. Die Kinder machen ihrs, meist ohne das Wissen der Eltern – und definitiv ohne deren Verständnis.

Was du erfahren willst – sei getrost, du wirst es nicht erfahren.

Soweit so klassisch. Wäre da nicht dieser Erzähler. Der über diesem ganzen Mikrokosmos schwebt und dennoch mittendrin steckt. Der alles weiß und nichts preis gibt. Die Kunst dieses Buches ist die der Verweigerung. Dafür wird man in einen Dschungel geführt, in dem alles mit allem zusammenhängt, ein Dickicht aus Querverweisen, Zitaten, „Bildern in Bildern“, Spiegelungen, Übermalungen. Umso tiefer es hinein geht in den Dschungel, um so dichter wird er. Die Sommertage verwandeln sich langsam aber sicher in eine endlose Sommernacht, in der die Zeit stillzustehen scheint, die Kinder unter der Erde verschwinden, und die unterschwellig spürbare Angst endlich einmal ausbricht. Zeiten fallen ineinander, Orte lösen sich auf, gestern wird morgen sein, und morgen ist immer schon gewesen.

Und währenddessen läuft man als Leser ein ums andere Mal an der Hand des Erzählers in ein und denselben Raum – und wer sitzt da und wartet auf einen? – "Icke." Genau. Die eigene Erinnerung grüßt schelmisch blinzelnd zwischen den Zeilen. Hattest du den Kindermörder etwa vergessen, der im Wald hinter dem Haus lebte? Hast du gedacht, du musst nie wieder in diese enge Röhre kriechen, von der eine Faszination ausging, die so durchdringend und verlässlich war wie der dunkle Gestank, der aus ihr aufstieg? Hast du wirklich geglaubt, all die Geschichten aus deinem Kindheitskopf seien vergessen und nichtig? Nein: da sind sie wieder. Viel Spaß, wünscht schelmisch grinsend der Erzähler, der sich kurz zu erkennen gibt, bevor er sich wieder verflüchtigt.


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