Liebe! Ein Aufruf

Was mir an Daniel Schreibers neuem Buch, Liebe! Ein Aufruf, zunächst merkwürdig erschien, ist die Zeitform, in der große Teile des Essays geschrieben sind. Während der erzählende Strang des Buches in der Gegenwart eines von Daniel Schreiber veranstalteten Schreibseminars spielt, nutzt der Autor für die Betrachtung der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Verwerfungen das Präteritum. Mich hat das die gesamte Länge des Buches über irritiert, da die Krisenphänomene, das Erstarken des Rechtspopulismus, die (wieder) zunehmende Ausgrenzung von Minderheiten, ja keineswegs abgeschlossene, in der Vergangenheit liegende Ereignisse sind, wie es die Nutzung des Präteritums nahelegt.

“Ich fühlte mich in der Gesellschaft, in der ich lebte, immer weniger zuhause“, reflektiert der in Mecklenburg aufgewachsene Schreiber während eines ausgedehnten Spaziergangs vor Beginn des von ihm gegebenen Schreibseminars. Er schreibt von der Ohnmacht, der Verunsicherung, der Desillusionierung, die ihn ergreift und (nach Erfahrungen aus seiner Jugendzeit während der „Baseballschläger“-Jahre in Ostdeutschland) „re-traumatisiert“. Seine Gedanken gehen aus von Hannah Arendts Denktagebuch, in dem Schreiber folgenden Eintrag fand:

“Amor Mundi - warum ist es so schwer, die Welt zu lieben?“
Hannah Arendt

Mit der „Amor Mundi“ ist der Gegenpol zum um sich greifenden Hass, zur Verrohung und Ausgrenzung gesetzt: Die Liebe treibt Daniel Schreiber um – die Liebe nicht als romantisches Gefühl, sondern als politische Kraft. Doch taugt die Liebe, der Arendt auf der einen Seite sehr viel zugetraut, der sie auf der anderen Seite aber auch zutiefst misstraut hat, als Antwort auf die sich bedrohlich um uns stapelnden Krisen der Gegenwart?

Warum fiel es mir so schwer, die Welt zu lieben?

Während er durch den idyllischen Wald spaziert, blickt er (scheinbar) zurück auf unsere Gegenwart. Große Teile seiner Schrift widmet er dieser, von Sorge und Widerspruch geprägten Auseinandersetzung mit all dem, woran wir uns täglich in den Nachrichten aufreiben, bevor(schleichend) die Gewöhnung einsetzt. Die Vereinzelung und das Aufkündigen von Gemeinschaft im Geiste des Neoliberalismus. Ein zunehmend als dysfunktional erlebtes Gesellschaftssystem. Bröckelnde, weil kaputt gesparte Infrastruktur: Timothy Snyder zufolge „liege ein Problem heutiger Demokratien darin, dass ihnen ihre Zukunft abhanden gekommen sei“. Die Kraft des Ressentiments. Der nach rechts rückende Konservativismus. Der Sog des Antidemokratischen. Das Erstarken des Autoritären. Der Zusammenbruch der internationalen Ordnung. Erschreckende Anzeichen einer neuen Weltordnung. Die Wiederkehr des Imperialismus. Die Ignoranz gegenüber dem menschengemachten Klimawandel…

Schreiber beschreibt all dies mit der klaren, aber persönlichen, engagierten Sprache, die man von seinen früheren Essays kennt. Er beschreibt auch die schleichende Dissoziation, die es braucht, um in diesen Zeiten überhaupt klarzukommen:

"Über weite Strecke gelang es mir auch im Heute, das Gefühl der Lähmung so gut zu bekämpfen, dass es nur gelegentlich vollständig in mein Bewusstsein einbrach. … Ich hatte mich in die Arbeit gestürzt, schöne Dinge gekauft, die ich nicht brauchte und die mich eine Zeitlang ablenkten. Ich hatte alte Romane gelesen, die nur wenig mit der Welt von heute zu tun hatten … Ich machte Yoga, ging laufen und zu meinem Training, absolvierte meine Therapiestunden, versuchte, viel Zeit mit meinen Freundinnen und Freunden zu verbringen. Versuchte, an all das nicht zu denken.“

Auch hier: Präteritum. Denn Schreiber denkt über Liebe als Gegenentwurf nach zu einem Zeitpunkt, wo dieses uns allen geläufige Dissoziieren an seine Grenze kommt. Er versteht seinen Buch als „last call“, sagt er in der Sternstunde Philosophie.

Ausgehend von Hannah Arendt beginnt er, Philosophen, Aktivisten, Menschenrechtskämpfer zu konsultieren. Findet in Albert Schweitzers „Ehrfurcht vor dem Leben“ eine Absage an alle Formen „gedankenlosen Dahinlebens“, liest Martin Buber, Emmanuel Lévinas, Paul Ricoeur und entdeckt die bestechende Aktualität der Überlegungen von Erich Fromm, der im Bedürfnis zu teilen und in der Bereitschaft, für andere Opfer zu bringen, das größere menschliche Grundbedürfnis als im Haben, im Wettkampf und Egoismus sah:

„Fromm war der Überzeugung, dass die von unserem sozioökonomischen System geprägte Lebensweise die Gesellschaft und ihre Menschen erkranken lasse und in letzter Instanz ‚zur ökonomischen und ökologischen Katastrophe‘ führen werde.“

Unser romantisches Konzept der Liebe als Ereignis und Gefühl ist wesentlich jünger als der Begriff Liebe – und Fromm holt die Liebe als Praxis zurück aus der Sphäre des romantischen Glücks in die praktische Lebenswirklichkeit: „Seine Vorstellung von Liebe zielt auf eine ganzheitliche Form von Individualität ab, die sich erst in der Ausrichtung auf andere Menschen, auf deren Wohl und auf das Gemeinwohl erfüllt.“

Auf den Spuren von Mahatma Gandhi und Martin Luther King versucht Daniel Schreiber einen Ausweg zu finden aus der Dissoziation, der Passivität und dem immer hilfloser anmutenden Hoffen darauf, dass das alles „schon nicht so schlimm werde“. Er fragt sich, wie eine Allianz aussehen könne, mit der wir uns den derzeitigen Entwicklungen entgegenstellen könnten. Im Kleinen zeigt sich sein Schreibseminar als Rückzugsraum, als Beziehungsgeschehen, das Hoffnung und Kraft spendet: Voller Wärme und Anerkennung schildert Schreiber, wie sich die einander fremden Menschen öffnen, verletzlich zeigen, in Beziehung kommen, Gemeinschaft entsteht. Und Schreiber ruft auf, das überall und immer wieder zu versuchen:

„Ich möchte dazu aufrufen, sich bewusst zu machen, dass es, wenn wir aus Liebe handeln, niemals in Ordnung ist, in der derzeitigen Lage der Welt nichts zu tun. Dazu, sich darauf zu besinnen, was wir an unserer Welt, an unserer Gesellschaft lieben, und es mit aller Kraft zu verteidigen. Sich vollends klarzumachen, dass, wenn wir unsere Gesellschaft nicht aktiv mitgehalten, es andere für uns übernehmen. Ich möchte zu einer radikalen Freundlichkeit aufrufen.“

Lasst uns Gemeinschaften gründen, sagt er, lasst uns Begegnungsräume schaffen: „Inseln des Trosts und des Widerstands“. Lasst uns Beziehungen pflegen und unsere Empathie wieder stark machen, unsere Sprache verteidigen, uns Geschichten erzählen, und nicht zuletzt: für unsere Freiheiten kämpfen. Dann passt es auch, wenn wir irgendwann im Präteritum über die aktuellen Probleme reden.

Daniel Schreiber: Liebe! Ein Aufruf. Hanser Verlag 2025