Katharsis
Über 600 Seiten und der wohl verblüffendste Plot-Twist, den ein Autor je auf den letzten 20 Seiten eines Romans untergebracht hat: Maciej Siembieda hat mit Katharsis, dem ersten Roman seiner Griechischen Trilogie nicht nur, wie der Verlag schreibt, einen "großen europäischen Roman" sondern geradezu ein Epos geschrieben, das fast ein Jahrhundert europäischer Geschichte in fesselnde Einzelschicksale fasst.
Dazu unterteilt Siembieda sein Buch in fünf Teile, die dem Anschein nach unabhängige Geschichten erzählen. Da ist der griechische Partinsanenkämpfer Kostas, der im Bürgerkrieg zum legendären Sprengmeister wird und 1949 nach Polen kommt. Wie alle anderen Figuren in diesem Buch wird er von seiner Vergangenheit verfolgt, fällt im jungen polnischen Staat in Ungnade und endet als Bausoldat in einer Uranmine. Da ist der Schmuggler Zygmunt, auch bekannt als Sacharin, den es aus einem polnischen Gefängnis im zweiten Weltkrieg nach Griechenland verschlägt, wo er Kostas und seine Familie kennenlernt – was ihm später, als Mitarbeiter des polnischen Geheimdienstes, noch große Dienste erweisen wird. Auch die Geschichte von Janis, dem Sohn des so hoffnungsvoll gestarteten, tragisch gestorbenen Kostas erzählt der Roman – und damit spannt Simbieda den Bogen, ebenso wie mit der Geschichte von Zulu und seiner Mutter Katherina, bis in die postsozialistische Gegenwart. Alle diese Geschichten sind nicht nur durch Zufälle und Beziehungen mehrfach miteinander verknüpft und ineinander gewoben – sie kreisen um ein geheimnisvolles Zentrum: eine Uranmine in den Sudeten, wo die Nazis am Ende des 2. Weltkrieges ein verstecktes Lager für waffenfähiges Uran anlegten.
Es gab in der Vergangenheit einige groß angelegte Romane, die sich entscheidenden historischen Ereignissen im Gewand des Kriminalromans annahmen. Ich denke etwa an Fünf Winter von James Kestrel oder die Geschichte der Kibbuzim, die in Adama von Lavie Tidhar auf bewegende Weise erzählt wird. Maciej Siembieda nun erzählt von einem Kapitel der europäischen Geschichte, das so nur wenigen bekannt sein dürfte: Die polnische Republik unterstützte die griechischen Partisanen, indem sie sie in Polen behandelte. Ein Lazarettschiff brachte Griechen und Makedonier nach Polen, und aus dieser historischen Situation heraus entwickelt Siembieda eine zwar fiktive, aber überaus realistisch anmutende Geschichte. Dazu benutzt er weitere historische Fakten wie die Geschehnisse im Partisanenkrieg, den regen Schmuggel in der Zeit vor dem 2. Weltkrieg oder den (geheim gehaltenen) Uranabbau, den Soldaten und Freiwillige mit ihrem Leben bezahlten. Wie die Handlung von hier aus auch noch nach Ägypten abbiegt, möge jeder selbst herausfinden...
Katharsis ist ein schillernder Begriff aus der griechischen Antike. Aristoteles bezeichnete damit den reinigenden Effekt der Tragödie. In seinem weit gespannten Bogen schildert Siembieda wahrhaft tragische Ereignisse, denen keine seiner Figuren entkommen kann. Er tut das in dieser verwegenen Mischung aus Kriminal-, Spionage- und Abenteuerroman mit großem Realismus und enormer Detailtreue, so dass das 20. Jahrhundert mit all seinen Hoffnungen und Abgründen nacherlebbar wird – mit durchaus hoffnungsvollem Ausgang.