13.02.2019

Zuhause

Ich lese Zuhause mit ein wenig Wehmut, ja Neid. Einen solchen Ort, wie Marilynne Robinson ihn im 2. Teil ihres Roman-Zyklus um die fiktive Stadt Gilead beschreibt, kenne ich nicht. Zuhause als den Ort, an dem man kleinste Veränderungen registriert, wo sich an jeder Ecke eine Erinnerung versteckt hält, wo die Präsenz verschiedener Zeiten die Grenzen der eigenen einfachen, vorwärtsgerichteten Zeitvorstellung schmerzhaft bewusst macht. Heimat ist bei Marilynne Robinson ein weitgehend unauffälliger, aber umso mehr auch ein mythischer Ort. Nach Zuhause kehrt man zurück, wenn die Eltern im Sterben liegen, man Zuflucht vor dem eigenen Scheitern sucht oder sich sonst nicht zu helfen weiß. Wenn es die Möglichkeit von Vergebung und Erlösung überhaupt gibt: Zuhause ist ihr Ort.

In das Haus, in dem sie aufwuchsen, inmitten des beschaulichen Städtchens Gilead gelegen, kehren sie zurück: zuerst Glory, dann Jack. Erstere kommt augenscheinlich, um ihren kranken, dem Tode nahen Vater zu pflegen. Entgegen ihres verheißungsvollen Namens kommt sie jedoch ganz ohne Ruhm und Ehre – sie weiß ihr Scheitern hintenan zu stellen. Wenig später kommt – oh Wunder – ihr Bruder Jack nach Hause, nach Jahrzehnten des Schweigens, nach Kummer und Problemen. Die ein Leben zuvor abgebrochene Beziehung – kann sie wieder aufgenommen werden? Hier beginnt Marilynne Robinsons einfühlsam erzählte Variante vom verlorenen Sohn.

"Wenn uns der Glaube eines lehrt, dann doch sicher, dass wir alle Sünder sind und uns Vergebung und Gnade schulden,"

sagt der Vater, der Prediger Robert Boughton irgendwann zu seinem Sohn. Da ist dieser schon wochenlang da, kümmert sich ohne viel Worte um Haus, Garten und die Pflege des Alten, schweigt viel, sucht das Gespräch, den Augenkontakt, die Nähe, kommt, geht, zieht sich zurück, flieht, strauchelt, fällt. Bleibt in vielem seiner Schwester und seinem Vater ein Rätsel.

Wie finden Glaube und Liebe zusammen? Wie sind Vergebung und Hoffnung aufeinander angewiesen? Robinson nähert sich ihren drei Figuren mit nie aufgebrauchter Empathie, sie erzählt leise und sehr genau, enthält sich aller Wertung gegenüber den von ihr portraitierten Menschen. So gelingt ein dichtes Protokoll auch der kleinsten Veränderungen in menschlichen Beziehungen. Verrückt: so wenig in Zuhause auch passiert, so sehr vermag dies Wenige zu fesseln.

In der Familie Boughton treffen verschiedenste Lebensentwürfe und Glaubensverständnisse aufeinander. Dort der gealterte Prediger, hier der vermeintliche Sünder, der gegen seinen eigenen Unglauben kämpft und mit sich selbst ringt, der Vergebung sucht und sie sich selbst nicht zu geben vermag. Dazwischen Glory, deren Glorie in der Einfachheit ihres Glaubens und der Hingabe ihrer Liebe liegt:

Sie wusste nicht, was es hieß, fromm zu sein. Etwas anderes war sie nie gewesen. "Gedenke an deinen Schöpfer in deiner Jugend." Das hatte sie getan. ... Glaube war für sie Gewohnheit, wie Familiensinn und die Verehrung der Bibel, an der ihre Mutter und ihr Vater immerhin auch die literarische Qualität schätzten. Und auch die packende Stille, über die zu sprechen sie nie für nötig gehalten hatte.

Was vermag Familie? Was kann der Einzelne tragen? Was geschieht nach dem Scheitern? Wie gelingt Aufrichtigkeit? Und wie sieht Vergebung aus? Große Fragen, mit denen man nach der Lektüre dieses bewegenden Romans noch lange nicht fertig ist. Wenn Sünde eine "Beziehungsstörung" (Thorsten Dietz) ist, wie es Marilynne Robinsons Roman eindrücklich vor Augen führt – dann braucht es, um der Sünde zu begegnen, vor allem eines: Liebe. Alte Geschichten aufzugreifen, Beziehungen wieder aufzunehmen: nichts schwieriger als das. Ohne Liebe keine Vergebung. Und Glauben ohne Liebe, das wusste schon Paulus, vermag nichts.

Marilynne Robinson: Zuhause. Fischer 2018


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