Ins Stille Land
Ich verirre mich, ich muss es so sagen, in diesen Zeiten nur selten in einen Gottesdienst. Und wenn, sind mir die dort gesprochenen Worte oft zu viel, berührt, bewegt, verändert mich zu wenig. Diesen Sommer habe ich Kirchen vor allem aufgesucht, wenn sie leer und still waren. Denn Räume der Stille werden für mich immer mehr die eigentlichen Schatztruhen der Spiritualität. Für mich schließt sich da ein Kreis.
Ich bin aus der Stille mehrtägiger Zen-Seshins irgendwann aufgebrochen und habe das Christentum für mich entdeckt. Dabei war mir die stille, kontemplative Seite des Christentums immer näher als andere Traditionen und Frömmigkeitsstile. Nun ist im Vier-Türme-Verlag ein Werk erschienen, das genau dieser Spur konzentriert und bis in tiefste Tiefen folgt: Martin Laird, Professor für Frühchristliche Studien in Pennsylvania, nimmt uns in seinem im Original 2006 erschienen Band mit Ins Stille Land.
Der Verlag bewirbt das Buch als "Klassiker der zeitgenössischen Spiritualität" und Einführung in die Kontemplation; zumindest letzteres ist ein klares Understatement. Wo zuvor Maria Reichel
mit dem Centering Prayer (LINK) eine kontemplative Praxis konkret und alltagsnah vorstellte, startet Martin Laird sehr grundsätzlich und durchaus ehrgeizig: Er sieht in der Kontemplation eine Art Grundgegebenheit menschlichen Seins.
"Die Gemeinschaft mit Gott in der Stille des Herzens ist eine von Gott gegebene Fähigkeit."
Dies führt Laird nun eben auf sehr gelehrte, tiefgründige Weise im ersten (Grundlagen-) Kapitel aus, hat dabei aber sehr wohl ein praktisches Anliegen im Blick, das er mit seinem theologischen Wissen profund verknüpft: "Anleitung und Ermutigung zu sein, unsere Vertrautheit mit dieser Heimat zu vertiefen, in der wir selbst gründen".
So erkundet er in einer Art Überblick die kontemplativen Praktiken, die im Christentum von Bedeutung sind: die Praxis der Stille und die Praxis der Achtsamkeit. Er entwirft eine Art Landkarte dieses im Christentum so an den Rand gedrängten, fast unbekannt scheinenden "Stillen Landes"; und diese Landkarte öffnet auch schon die Tür, durch die man dieses Land fasziniert betritt.
"Wenn der Geist zur Ruhe kommt und das Stille Land betritt, verschwindet das Gefühl der Trennung."
Laird beschreibt in einer bestechenden Mischung aus Quellenarbeit, theoretischer Aufarbeitung, Bibelzitaten und praktischem Wegweiser die Reise in das Stille Land. Er erörtert kontemplative und meditative Techniken, die das Ziel haben, loslassen zu lernen, anzukommen in Gottes Gegenwart. Von hier führt etwa ein gerader Weg zu den Anleitungen von Maria Reichel. Laird widmet sich den Säulen der Kontemplation: dem Körper, der Atmung, dem Gebetswort. Dem Anfänger gibt er eine Schritt-für-Schritt-Anleitung an die Hand, dem erfahrenen Reisenden hingegen tiefe Einsichten, Reflexionen und Ausblicke.
Bestechend etwa, was Laird über die "drei Pforten zum gegenwärtigen Moment" schreibt:
"Gott gibt sich jederzeit selbst. Es geht darum, die Hindernisse zu beseitigen, die es uns erschweren, dieses Geschenk zu empfangen."
Schon tief im Stillen Land zeigen sich die wahren Hindernisse und Herausforderungen jeder kontemplativen Praxis: Gedanken und Gefühle, die in der Stille wie Wetterleuchten unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen, sich uns in den Weg stellen. Auf ganz ähnliche Weise beschreibt der Zen-Lehrer Henry Shukman den Umgang mit Hindernissen in der Meditation. Parallel zu Lairds Buch las ich in Shukmans Zen-Einführung Ursprüngliche Liebe und fand erstaunliche Parallelen.
In beiden Traditionen geht es eben nicht darum, Hindernisse, Emotionen, Gedanken, Wahrnehmungen auszuschalten und so Stille "herzustellen" – sondern all dem, was da auftaucht, mit Stille, Präsenz und Liebe zu begegnen. Statt Kommentaren und Erzählungen zu lauschen, umarmen wir all das, was ist:
"Der Raum, den wir unseren Erfahrungen anbieten können, wird größer. Es ist fast buchstäblich ein Wachstum, so als ob das Fassungsvermögen unserer Bewusstheit sich ausdehnt."
Die Reise Ins Stille Land, in dieses Kernland der Spiritualität, hat mich zu einem Ort gebracht, an dem sich Zen und Christentum begegnen. Wie gesagt: Für mich schließt sich hier ein Kreis.