11.06.2018

Reisen (2): Die 21 - Reise ins Land der koptischen Martyrer

Navid Kermani reist in den Orient in das Land, aus dem seine Familie stammt; fast zeitgleich unternimmt sein Freund und Verlagskollege Martin Mosebach eine Reise nach Ägypten: in ein ihm fremdes Land, in dem er die Ursprünge, vielleicht auch das Korrektiv seines eigenen Glaubens sucht.

Anders als Kermanis Odyssee Entlang den Gräben ist Mosebachs Buch streng komponiert; auch die Gattung Reisebericht mag auf Die 21 nicht so recht passen. Die Nacherzählung der "Reise ins Land der koptischen Martyrer" folgt akribisch dem deduktiven Prinzip der Wissenschaft: aus der Distanz in die immer größere Nähe, vom Allgemeinen ins Konkrete, in dem der Katholik (und Jurist) Mosebach dann ein Panorama einer unwahrscheinlich anmutenden, aus der Zeit gefallenen Kultur entwirft.

In koptischen Wohnzimmern

Ausgangspunkt sind ein Bild und ein Video. 21 koptische Christen wurden am 15. Februar 2015 in Lybien vom IS hingerichtet; die Hinrichtung wurde geradezu kunstvoll in Szene gesetzt und im Internet verbreitet – als "Antwort Mohammeds" und Botschaft an die "Nation des Kreuzes".

Mosebach blendet die islamistischen Henker bewusst aus und fokussiert auf die 21 Hingerichteten, die seitdem in der koptischen Kirche als Martyrer verehrt werden, als "Menschen, die auch unter Todesdrohung nicht bereit sind, ihren Glauben aufzugeben". Für ihren Glauben Gestorbene prägen vor allem die Frühzeit der Kirche, in deren engster Nähe die Kopten noch immer leben. Das ist es, was Mosebach – möglicherweise auch als Möglichkeit für das westliche Christentum? – auf dieser Reise interessiert:

Wie sieht ein (lebendiger) Glaube aus, der sich in einer desinteressierten, gar feindlichen Umwelt zu behaupten weiß – vielleicht gerade weil er an einer Tradition festhält, die sich seit Jahrtausenden nicht weiterentwickelt hat?

Was sie in Gestalt des Glauben besaßen, war unendlich viel kostbarer für sie als alles, was sie hätten erwerben können, wenn sie ihn aufgaben.

So reist Mosebach nicht mit politischen Fragen nach Ägypten, sondern um zu erfahren, wie diese christlichen Martyrer lebten, wie ihr Glauben sich ausdrückte, wie sie wohnten, arbeiteten und dachten. Auf dem Weg von Kairo nach Oberägypten und zurück erforscht er Geschichte und Kultur der koptischen Kirche, spricht mit Bischöfen, Priestern, Eltern, beschreibt im Vorübergehen die Ungleichzeitigkeiten der ägyptischen Gesellschaft und tritt in die Wohnhäuser der Familien der Martyrer (die dank staatlicher Hilfen nach dem Martyrium abgerissen und neu aufgebaut wurden).

Die Häuser wirkten nicht mehr bäuerlich, sondern hatten ein städtisches Aussehen – dabei standen im Nebenraum des Empfangszimmers oft zwei magere Kühe mit schmutzverkrustetem Bauch und Euter, die ihr Futter zermalmten, während der Urin auf den Vorplatz rann.

"Beten, dienen, schweigen"

Mosebach erfährt nur spärliche Details über die 21, denen er jeweils ein Kapitel seines Buches widmet. Es zeigen sich recht widerspruchslose Geschichten von Heiligen, deren Leben sich zu großen Teilen in der an Mönche gemahnenden Trias von "Beten, Dienen, Schweigen" zusammenfassen lässt. Heiligenlegenden, schon zwei Jahre nach dem Martyrium, schlicht, voller Ehrfurcht. Beeindruckt zeigt er sich vom Umgang der Familien mit dem Tod der Angehörigen: Stolz statt Trauer findet er vor. Selbst das Video der Hinrichtung wird unbefangen gezeigt; Reliquien gleich wird aufbewahrt, was die nun Heiliggesprochenen hinterlassen haben. Der Tod der Söhne oder Ehemänner: er wird weniger als Tragödie aufgefasst, mehr als Vervollkommung, Krönung – als Inbegriff christlichen Lebens.

Christsein im Nahen Osten heißt, dort zu leben, wo die Heilsgeschichte des Alten und des Neuen Bundes sich ereignet hat.

Die Nähe zu den christlichen Ursprüngen wurde, das führt Mosebach wieder und wieder aus, in der koptischen Kirche konserviert und über die Zeiten gerettet.

Die koptische Kirche hat in ihrer Abgeschlossenheit die Eigenschaften der frühen Christenheit rein bewahrt. ... In ihrer Isolation erleben die Kopten Oberägyptens die Ereignisse der jungen Kirche, als wären sie erst gestern geschehen.

Eine junge, enthusiastische Kirche

So wie der IS findet auch die ägyptische Gegenwart nur indirekt Eingang in die Reisebschreibung (etwa, wenn Mosebach über die christlichen Müllsammler des Kairoer Stadtteils Mokattam schreibt). Mosebach ist vor allem fasziniert von der "jungen, enthusiastischen Kirche" inmitten der feindlich gesinnten Umwelt. Er nutzt dies immer wieder zur Polemik gegenüber den westlichen (Volks-) Kirchen, wenn er etwa minutiös die koptische Liturgie beschreibt oder dem respektvollen Verhältnis der Gläubigen zu ihren Priestern nachgeht.

Heiligenverehrung, Wunderglaube, Demut haben hier die Zeiten überdauert; die Zeit und die Ewigkeit Gottes sind nur einen Hauch voneinander getrennt. Reformation, Gegenreformation, Aufklärung fanden nicht statt, der koptische Glaube scheint merkwürdig unberüht von den Wirren der Geschichte. Das Festhalten an der Tradition ist in Mosebachs Schilderung Überlebensmittel – die Rückkehr zu den Ursprüngen einer Verjüngungskur für die westliche Kirche, die in die Bedeutungslosigkeit abzugleiten droht?

Sieht es nicht beinahe so aus, als sei der Weg der westlichen Kirche durch die Jahrhunderte ein riesenhafter, höchst ereignisreicher Umweg gewesen, der jetzt genau dort endet, wo die koptische Kirche geduldig ausgehalten hat?

Zurück zuhause

Ich weiß nicht. Ich teile die skeptische Position von Martin Mosebach nicht; ohne den katholischen Kontext bleibt mir sicherlich auch der Hintergrund mancher Kritik verborgen. Doch ich kann die Geschichte des Christentums nicht so pessimistisch sehen: nein, auch die westliche Kirche ist nicht am Ende, auch wenn die schrumpfenden Gemeinden und die immerwährenden, meist inhaltsleeren Strukturdebatten das manchmal nahelegen. Die Entwicklung hat einen offenen Ausgang, und die Konfrontation unseres heutigen Glaubens mit urchristlichen oder koptischen Martyrern finde ich in dem Zusammenhang nicht wirklich ergiebig.

Ja: Mosebach erzählt die Geschichte eines Glaubens, der ein Stachel in der eigenen Gewohnheit sein kann. Man mag seine Faszination verstehen und den Respekt gegenüber den 21 wertschätzen. Man liest beeindruckt von der Hingabe dieser einfachen Menschen. Das Geheimnis, dem Mosebach auf der Spur ist, bleibt indes bestehen. Das Martyrium bleibt fremd – auch für den eigenen Glauben.

(Martin Mosebach: Die 21. Eine Reise ins Land der koptischen Martyrer. Reinbek bei Hamburg 2018)


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