Hautfreundin

Ich lernte Doris Anselm im Jahr 2007 kennen; auf einer staubigen Probebühne irgendwo in Berlin-Mitte erarbeitete ich mit einer freien Theatergruppe eine Inszenierung, für die Doris Anselm die Öffentlichkeitsarbeit verantwortete. In der Zwischenzeit haben wir die Seiten gewechselt, das sage ich nicht ganz ohne Neid: Ich bin für Werbetexte zuständig, während sie, nach dem Studium in Hildesheim u.a. als Radio-Reporterin tätig und in Sachen Slam Poetry unterwegs, nun einige der aufregendsten und ungewöhnlichsten Texte der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur schreibt.

Versammelte ihr Debüt und in dem moment holt meine Liebe zum Gegenschlag aus noch zahlreiche Kurzgeschichten, irgendwo an der Grenze zwischen Realität und Imagination, ist Hautfreundin selbstbewusst als Roman untertitelt. Das irritiert zunächst: die ersten Kapitel wirken sehr locker verbunden und könnten auch als separate Kurzgeschichten durchgehen, die sich lose um ein Thema bewegen. Erst nach und nach kristallisiert sich der Bogen heraus, der alles verbindet – die Lücken, Brüche, Neuanfänge zwischen den einzelnen Episoden dieser sexuellen Biographie sorgen für Mehrdeutigkeiten und Spannungen, die für den Leser durchaus Arbeit bedeuten – und ihn davon abhalten, von einer prickelnden Stelle zur nächsten zu springen.

Denn Hautfreundin versammelt einige der erotischsten, aufreizendsten, wegen mir auch heißesten Szenen, die in meinem Bücherschrank zu finden sind. Da ist er schon wieder, der Neid, diesmal auf einer anderen, grundsätzlicheren Ebene: An der Seite der Hautfreundin erstaune und erschrecke ich regelmäßig über die eigene Sprachlosigkeit – oder zumindest den überschaubaren Wortschatz – in Sachen Sex.

Porno als Film und Bild hat die Tendenz, einen sprachlos zu machen. Fast alle gucken Pornos, aber im Bett fällt es uns schwer, präzise und respektvoll zu formulieren, was wir möchten. Gute erotische Literatur kann da mit neuen Möglichkeiten experimentieren,

so Doris Anselm im Interview. In ihrem Roman folgt sie einer jungen Frau auf ihren sexuellen Erfahrungen hin zu einer selbstbewussten Bestimmung ihrer sexuellen Identität jenseits von Beziehungsbildern und Schubladendenken. Das macht sie mit viel sprachlichem Fein(st)gefühl auf der einen und mit unbändigem Mut und bissigem Witz auf der anderen Seite. Ohne Rücksicht auf Verluste deckt sie die Untiefen alltäglicher Sprachspiele auf und erobert ganz neues Terrain für eine Sprache der Erotik, der Begierden, der Sinnlichkeit.

Sex mit Menschen, das war einmal die größte Unsicherheit überhaupt.

Ob das erste Mal, der Sex auf dem Parkplatz, ein Ausflug in eine von Automaten emotional heruntergekühlte Zukunft, in der Liebe als Einbruch des Unkontrollierten zum rebellischen Akt wird, ob Tantra-Massage oder der gescheiterte Versuch, mit Fifty Shades of Grey zu flirten: so wie der Roman an den Grenzen des Genres laboriert, beeindruckt die Unerschrockenheit und Offenheit, mit der sich Doris Anselm dem Thema nähert. Der Ort ihrer Sprache ist die Haut, dieses so empfindsame, unterschätzte Sinnesorgan, an dem sich die Körper begegnen und berühren. Diesen Ort, dieses Treiben der Körper nehmen ihre Texte unter die Lupe, mit lustvoller Begierde, die Fragen nach dem Danach, einer sich anbahnenden Beziehung, den Konsequenzen, selbstbewusst den Rücken zeigt. Soviel zur Entwicklung der Protagonistin.

Sex, der nichts anderes sein muss, keine Unterschrift, die man einander gibt und regelmäßig erneuert, keine Trophäe, nichts, was der Verlierer dem Gewinner schuldet, oder umgekehrt. Keine Belohnung für Schmerz. Schönheit.

Der Höhepunkt, und nur eine der vielen phantastischen Szenen in diesem Buch: wie es die Protagonistin mit dem Lago Maggiore treibt.

Lass uns nicht von Sex reden, sang Jochen Distelmeyer in einem frühen, eher ekelerregenden Meisterwerk seiner Rollenprosa. Auf gewisse Weise nahm er #metoo damit um einige Jahrzehnte vorweg. Doris Anselm hingegen schreibt sich mutig und unbeeindruckt an der Debatte vorbei: Hautfreundin feiert auf fast utopisch anmutende Weise das Vertrauen und die Freiheit zwischen Männern und Frauen da, wo sie am empfindlichsten, verletzbarsten sind. Genau dort wartet das größte Glück. Lass uns von Sex reden, flüstert die Hautfreundin dem Leser, der Leserin zu. Dank Doris Anselm ein überwältigender, beglückender Lustgewinn.