Sörensen geht aufs Haus

Sörensen ermittelt, Band 6

Irgendwann in der zweiten Hälfte des Buches erfährt Sörensen, jener Kommissar ohne Vornamen, dafür mit Angststörung, dass sein bester Freund regelmäßig vom Vater geschlagen wird: „Kleines Familiendrama“, sagt Schiefel, so heißt der Freund, und erzählt von einem Streit, wie es ihn in seiner Familie scheinbar häufig gibt: Vater schlägt Mutter, Kinder gehen dazwischen, Vater schlägt daraufhin die Kinder, und die Mutter schlägt sich auf die Seite ihres Mannes. Häusliche Gewalt: das ist ein Thema in Sörensen geht aufs Haus, dem sechsten Buch über den Kommissar in der nordfriesischen Einöde.

Das Gespräch mit Schiefel ist einer der vielen Rückblenden entnommen, in denen Sörensen sich an seine Kindheit und Jugend erinnert. Ein Anlass ist wohl der krebskranke Vater, der nun bei ihm zuhause wohnt. Der andere ist, dass der einstige Jugendfreund plötzlich im Mittelpunkt der Ermittlungen steht. Da kann man sich schon einmal an die ein oder andere Schlüsselszene aus der eigenen Vergangenheit erinnern. Einfacher wird es dadurch für den etwas eigenwilligen Kommissar nicht. Vielmehr wird Sörensen ein weiteres Mal mit den eigenen Problemen konfrontiert, stolpert über und kreist um sie – wir Leser*innen lernen indes einiges über seine Vergangenheit.

Ich kannte Sörensen bisher nur aus den Verfilmungen bzw. Hörspiel-Adaptionen, in denen Bjarne Mädel den nach Katenbüll versetzten KHK mit viel norddeutschem Humor und großem Einfühlungsvermögen spielt. Etwas überrascht, ja vielleicht gar enttäuscht war ich, als der Roman von Sven Stricker von Beginn an eine härtere, ernstere Gangart einschlägt. Da verschwindet ein Mädchen, und eine Familie zerbricht. Da gibt es einen Nachbarschaftsstreit, und menschliche Knochen werden gefunden. Briefe tauchen auf, die diese Knochen und das verschwundene Mädchen miteinander in Verbindung bringen. Zwei Fälle, Vergangenheit und Gegenwart hängen aufs Engste miteinander zusammen – wie eben auch bei der Titelfigur.

Sven Stricker: Sörensen geht aufs Haus. Sörensen ermittelt, Band 6. Rowohl 2026

Ganz norddeutsch erzählt Stricker mit großer Ruhe und Ausführlichkeit von den Familientragödien, die der Alltag nur teilweise verdecken kann. Gleichzeitig nimmt sich der Autor viel Zeit, um seinen Kriminalhauptkommissar durch die Gegend fahren, seinen Vater pflegen oder über Kolleginnen und Praktikantinnen nachdenken zu lassen. So richtige Fortschritte in Sachen Ermittlung gibt es lange nicht zu vermelden. Da erinnert Sörensen fast ein wenig an Georges Simenons Maigret. Nur hatte letzterer kein so gutes Team, denn das beeindruckt in diesem Krimi ungemein: Wie neben allen Spannungen und Streitigkeiten hier ein ziemlich gut funktionierendes Team zusammenarbeitet, das dann auch gemeinsam die heiße Spur findet, von der man als Leser lange nichts ahnt.

Es bleibt nicht bei der häuslichen Gewalt, deren Echo durch den gesamten Roman hallt. Da vergreifen sich Männer an jungen Frauen, ja Mädchen. Sie überschreiten Grenzen und verlieren die Kontrolle. So ist Sörensen geht aufs Haus vor allem eine Erzählung über familiäre Zusammenhänge, die Gewalt möglich machen, und über Macht und Brutalität, die Familien zerstören. Zum Glück gibt es da dann doch noch eine Prise Humor – und eine kleine, leise Liebesgeschichte. Anders ließe sich dieser nordfriesische Noir wohl kaum ertragen.