03.04.2018

Eine Insel finden

Dieses kleine Büchlein musste ich lesen, natürlich. Georg Langenhorst erzählt in einem Vortrag bei Worthaus ausführlich von der in der Schweiz recht bekannten Nonne Silja Walter und ihrem um einiges jüngeren Bruder Otto F. Walter. Zusammen mit sieben weiteren Schwestern in einer katholischen Verleger-Familie aufgewachsen, bricht Otto, der Jüngste, mit dem Elternhaus, um als Schriftsteller und vor allem Verleger im Deutschland der Nach-68er Jahre seinen Weg zu gehen. Seine ältere Schwester hingegen beginnt früh mit dem Schreiben von Gedichten, um sich dann – mehr oder weniger über Nacht – ins Kloster zurückzuziehen.

Eine Insel finden, Protokoll eines Gesprächs für den Schweizer Rundfunk, 90 Minuten, gekürzt auf 55 Minuten Sendezeit, gedruckt auf knapp 80 Seiten, nach Jahrzehnten des Schweigens, musste ich lesen – schon allein, weil mir in der schreibenden Zunft nur selten Namensvettern meiner Tochter begegnen.

Vor allem aber interessierte mich die Möglichkeit des Verstehens zwischen den zwei so unterschiedlichen Geschwistern, die Möglichkeit auch eines Gesprächs über Gott und den je eigenen Glauben – wie verdruckst und unbeholfen wir uns da anstellen, wie sehr wir dem Gespräch über dieses doch so wichtige Thema aus dem Weg gehen (außer wir sprechen über "den Islam"), darüber hat ja gerade erst Verena Friederike Hasel einen schönen Artikel in der ZEIT geschrieben.

Eine Insel finden, 1983 erschienen, ist dabei zunächst ein Zeitdokument. Die politischen Debatten jener Jahre, der Kalte Krieg, die Umweltzerstörung, die Dritte Welt, die Angst vor der Zukunft – das sind Themen, die den politischen Schriftsteller Otto Walter umtreiben. Dem steht das Beharren der Nonne auf dem mystischen Erleben und einem Leben in und aus dem Glauben zunächst fremd gegenüber.

Ich kann das Absolute nicht beschreiben. Und trotzdem. Trotzdem bemühe ich mich immer wieder, einen Ausdruck dafür zu finden. Nicht Begriffe, nein, vor allem nicht alte Begriffe. Lieber nicht von Gott reden als in der alten, verdreschten, verbrauchten Sprache,

beschreibt Silja Walter ihre schriftstellerische Arbeit. Und ihr Bruder hält dagegen:

Mein Leben und Schreiben sind ein Versuch auf die alltägliche Menschwerdung hin, sind ein Eintreten für ein menschenwürdiges Leben vor dem Tod.

Voller Achtung und Liebe seiner Schwester gegenüber betont er die Differenzen, die ihm fehlende Gotteserfahrung, das Leben in einer "Unheilswelt". Sie dagegen erzählt von Hoffnung und Glaube und versucht, ihren Bruder und dessen kapitalismuskritische Standpunkte mit der mystischen Erfahrung auszusöhnen – ganz ohne missionarischen Gestus, dafür voller Liebe.

So ganz gelingt das nicht auf, aber immerhin, das Gespräch endet mit einer zaghaft entworfenen "Parallele", einer vorsichtigen Übereinkunft:

Otto F. Walter:

Schon von der ganzen Struktur her ist ein Kapuzinerkloster oder ein Benediktinerinnenkloster wie hier praktizierte Gegenwelt und Gegenmacht.

Silja Walter:

... das Leben im Kloster ja auch eine Art Protest... Wir leben ja eigentlich auch, wir leben in einer ganz starken Gegensätzlichkeit zum reinen Verschleiß im Kulturbetrieb, im Marktbereich, im Konsumbetrieb. ... man könnte auch zeigen, inwieweit wir hier im Kloster das praktizieren, was du als Sozialist eigentlich vertrittst, und inwieweit wir das undoktrinär leben, aus dem Glauben, aus der Gotteserfahrung, aus Christi Erfahrung, aus seiner Menschwerdung heraus. Er hat sich ja in die letzte Einsamkeit und Vernichtung hineinbegeben, wegen des Menschen, wegen jedes einzelnen.

... daß wir bei vielen Differenzen zusammengehören.

Das Beeindruckende an diesem schmalen Band ist, dass der Dialog zwischen diesen beiden so unterschiedlichen Menschen möglich ist. "Daß wir bei vielen Differenzen zusammengehören", wie Otto F. Walter in seinem Postskriptum schreibt.

Silja antwortet ihm:

Ich danke Dir, mein Bruder, daß Du zu dieser unserer Begegnung über Radio DRS ins Kloster Fahr gekommen bist. Ich vermute, Du verstehst es, daß ich hier die Insel gefunden habe und das Meer dazu. Und sicher ahnst Du, daß einer diese Insel und dieses Meer nie nur für sich allein findet.

Eine Insel finden. Gespräch zwischen Otto F. Walter und Silja Walter. Neue Arche Bücherei 1983