15.11.2018

Simenon lesen (2): Striptease

Im Nachwort zur Neuübersetzung von Striptease schreibt Ulrich Wickert, wie ihm Günther Grass die Romane von Georges Simenon nahebrachte - nicht die Maigrets, sondern die Non-Maigrets, die romans durs. Striptease, so Grass, sei

nicht einer der stärksten romans durs, aber gut. ... Und ein Simenon, der nur 'gut' ist, ist immer noch besser als so manch ein Herbstbestseller.

Eigentlich kann man es nicht besser auf den Punkt bringen. Der 1958 veröffentlichte Roman Striptease, nun im Rahmen der Simenon-Neuedition in neuer Übersetzung bei Hoffmann und Campe erschienen, führt das Faszinierende des Simenon'schen Schreibens in nuce vor Augen - wenngleich der Autor das Werk gen Ende vielleicht etwas zu routiniert "abwickelt", das erprobte Handwerkszeug an der ein oder anderen Ecke etwas zu deutlich durchschimmert.

Doch allein der Anfang. "Célita sah die Neue als Erste." Mit dem ersten Satz legt Simenon die Karten schon offen auf den Tisch; der Leser ahnt das und kann das Blatt doch noch nicht vollends lesen. Ein besseres Beispiel für eine gelungene Eröffnung kann ein Schreibratgeber auch nicht liefern.

Um drei Uhr nachmittags hatte sie wie jeden Tag das Klingeln des Weckers gehört, der auf dem Nachttisch zwischen den beiden Betten stand, und in sich gerollt darauf gewartet, dass Marie-Lou den Alarm ausstellte, dann aufstand und die Läden öffnete, die vor dem Fenster hängenden Nylonhöschen und Büstenhalter einsammelte und schließlich in der Küche das Gas anzündete, um Kaffee zu kochen.

Mit welcher Präzision Simenon hier in einem einzigen Satz in die Welt der Erzählung einführt, mit welch geübten Blick die Details inszeniert werden, wie in jeder Schilderung weitere Informationen mitschwingen, die zusammen ein plastisches Bild der Szenerie vermitteln, sachlich und stimmungsvoll zugleich, wie man sich als Leser allein ausgehend von diesem ersten Absatz eine Geschichte erfinden möchte – das ist schon beeindruckend.

Simenon aber macht in dieser Dichte und Schlichtheit gleichermaßen weiter. In einem elegant erzählten Bogen beschreibt er den Spaziergang der Hauptfigur Célita durch Cannes, den Ort des Geschehens, hin zu dem Nachtclub, in dem sie arbeitet; in nur scheinbar beiläufigem Erzählton erfährt der Leser dermaßen viel über die Protagonistin und ihr Umfeld, dass man gänzlich an ihrer Seite ist, wenn nach nur 10 Seiten der Konflikt benannt und der Kampf eröffnet wird: Die Neue, sie ist eine,

die einer von uns den Platz streitig machen könnte. Welcher, wird sich zeigen.

Eine Gruppe von Striptease-Tänzerinnen, mit knappen Strichen skizziert, steht im Mittelpunkt des Romans. Durch die Ankunft der "Neuen", des jungen Mädchens Maud, werden die Verhältnisse in dem Nachtclub ordentlich durcheinander geschüttelt. Auf der einen Seite die Machtkämpfe der Frauen, auf der anderen Seite das männliche Begehren und die permanente Beobachtung – die Situation gerät derart unter Druck, dass eine Eskalation unausweichlich scheint. Simenon, selbst regelmäßig Gast in Striptease-Lokalen, kritisiert nicht, seine Schilderung ist direkt und schonungslos, aber ohne Parteinahme. So ist ein früher Höhepunkt des Romans ohne Zweifel der erste Auftritt von Maud, erzählt mit voyeuristischer Lust und zunehmendem Unbehagen gleichermaßen.

Es war der Moment, in dem Célita sich so fest auf die Lippe biss, dass es blutete. Weil sie verstanden hatte, dass die Neue gewonnen hatte, dass weder sie noch die anderen die Zuschauer je so in Atem gehalten hatten.

Es ist der Moment, in dem Célita ihre Intrige beginnt, um ihre Stellung zu verteidigen. Als Leser wohnt man dem nun Folgenden ohnmächtig und das Schlimmste ahnend bei - allein: die Dinge kommen anders (und keineswegs besser), als man sie sich ausmalt.

Georges Simenon: Striptease. Neuübersetzung von Sophia Marzolff. Mit einem Nachwort von Ulrich Wickert. Hoffmann & Campe 2018.


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