16.10.2018

If Beale Street Could Talk

It began when they come took me from my home
And put me in Dead Row
Of which I am nearly wholly innocent you know

Nick Cave

Ein Farbiger sitzt in einer Gefängniszelle, angeklagt einer Vergewaltigung. Der Mann ist unschuldig, sein einziges Verbrechen ist seine Hautfarbe.

Von hier aus nehmen die Geschichten ihren Lauf, die in zwei Romanen erzählt werden, welche unterschiedlicher kaum sein könnten. Romane, die der Abstand von fast einem halben Jahrhundert leider nicht trennt, sondern in einer langen, zähen, wiederkehrenden Geschichte scheinbar unauflösbar miteinander verbindet. If Beale Street Could Talk, der 1974 erschienene Roman von James Baldwin (nun bei dtv in neuer, toller Übersetzung), und Mercy Seat der 1979 geborenen Autorin Elizabeth H. Winthrop haben nicht nur oberflächlich betrachtet einiges gemeinsam.

Beide Bücher verweisen schon im Titel auf musikalische Referenzen; der klassische Beale Street Blues auf der einen, der mittlerweile zum Klassiker avancierte Mercy Seat von Nick Cave auf der anderen Seite geben jeweils ein Stück weit Thema und Grundton vor. Nicht nur sitzt beide Male ein farbiger junger Mann in der Gefängniszelle, die Geschichten der Protagonisten wirken wie moderne Varianten auf Romeo und Julia. In beiden Romanen tickt unbarmherzig die Zeit - hin zu einem in beiden Büchern überraschenden Ende.

Sowohl Baldwin als auch Winthrop schildern eindrücklich, wie das Gift des Rassismus durch die Schichten der Gesellschaft tropft, wie es Kollektive zusammenklebt und Individuen trennt, wie es Lager schafft und Hass sät. Beide Romane beschreiben auf je eigene Weise, wie und aufgrund welcher Stereotype Gewalt entsteht, wie Menschen sich Opfer und Gemeinschaften ihre kollektiven Erzählungen suchen. In beiden Fällen gelingt dies auf eine Art, die weit entfernt ist von einfachen politischen Narrativen und allzu simplen Erklärungsansätzen.

Fragt man nach dem optimistischeren der beiden Romane, so muss man leider konstatieren: Der fast ein halbes Jahrhundert alte Beale Street Blues von Baldwin wagt eine Nuance mehr Optimismus als das jüngst veröffentlichte Mercy Seat.

Mercy Seat

Das mag auch daran liegen, dass Elizabeth H. Winthrop für ihre Geschichte bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts zurückgeht. In der kleinen Stadt St. Martinville in Luisiana wird ein elektrischer Stuhl aufgebaut, auf dem der junge Will in der Nacht hingerichtet werden soll. Er liebte ein Mädchen namens Grace – unglücklichweise die Tochter eines Weißen.

Der Bäcker gehört dem Klan an ... er nennt es Vergewaltigung, egal, was es gewesen ist,

so erzählen die weißen Jugendlichen. Dass sich Grace erschoss, nachdem ihr Vater die Liebenden überrascht hat und Will ins Gefängnis kam, gilt schon als Beweis. Nicht erst als der Roman einsetzt, steht der Ausgang der Geschichte fest. Die bevorstehende Hinrichtung ist das Ende eines Leidensweges ohne Ausweg, der elektrische Stuhl ist der Mercy Seat: der Stuhl der Gnade; er steht für Erlösung in einer Welt, in der auf Postkarten der Lynchmob der Väter-Generation erinnert wird und eine wütende Menge vor dem Gerichtshaus alle Zweifel im Keim erstickt, die Selbstjustiz probend: Gebt dem Nigger, was er verdient hat.

Der Stuhl wird das Letzte sein, unter dem er noch zu leiden haben wird, und dann ...

Winthrops Roman spielt in der kurzen Zeitspanne von einem Nachmittag bis zum nächsten Morgen; in schnellem Takt wechselt die Autorin die Perspektiven zwischen verschiedenen Figuren. Indem die Gedanken und Handlungen aller Figuren in den kurzen Erzählpassagen um die nahende Hinrichtung kreisen, webt Winthrop ein dichtes Netz aus Beziehungen, Parallelen und Gegensätzen, was nicht nur die Spannung bis ins Unerträgliche erhöht, sondern auch eine sehr genaue Beschreibung gesellschaftlicher Konstellationen und Mechanismen ermöglicht.

Wo stünde man selbst in dieser Situation, fragt sich der Leser besorgt. Auf der Seite der Ratlosen oder der Rasenden?

Beale Street Blues

Im Vergleich zu dem strengen Uhrwerk von Mercy Seat atmet Baldwins Beale Street Blues das freie Zeitmaß des Jazz. In wildem, aberwitzigem Rhythmus wechselt die in weiten Teilen von der jungen Clementine (Tish) erzählte Geschichte von Liebe in Hass, von Zärtlichkeit zu Gewalt, von Verzweiflung in Hoffnung, von Ohnmacht in Wut. Troubled about my soul ist das erste, einen Großteil des Romans umfassende Kapitel überschrieben - und dieser Trouble, da macht die Erzählung keinen Hehl daraus, wird so schnell nicht aufhören.

Trouble

Wonder where my mother,
I wonder where she‘s gone
Somewhere sittin‘ in the kingdom
She won‘t be worried no more

Lord, I‘m worried, worried.
Worried all about my soul.
Just as soon as my feet strike Zion
I won‘t be trouble no more.

Lillie Knox, 1937

Der Mercy Seat, der Stuhl der Gnade steht in Baldwins Roman nicht im Zentrum, sondern gleich am Beginn: Er entläßt die jungen Liebenden, die - wieder so ein Romeo-und-Julia-Paar - aus zwei nicht gerade befreundeten Familien stammen, ohne Hoffnung auf Gnade und Gerechtigkeit. So ziehen die beiden los, fangen an, ihre eigene Geschichte zu erzählen, selbstbewusst, stolz, auch übermütig.

So wurden wir füreinander das, was dem anderen fehlte.

Baldwin zieht den Leser mitten hinein in das Auf und Ab der Emotionen, in das größte Glück, in Ekstase und Zärtlichkeit - und konfrontiert den Leser ebenso mit dem im Alltag immer wieder klaffenden Abgrund. Denn in der Welt der Schwarzen im New York der 1970er Jahre geht die Gefahr nicht nur von den Weißen aus – nein, die Schwarzen selbst werden einander zum Problem, weil sie die erfahrene Diskriminierung und Gewalt unter sich weiterreichen, weil sie das Gesetz des Stärkeren schon längst verinnerlicht haben. Weil der, der unten ist, immer noch jemanden findet, auf den er hinabblicken, von dem er sich nach oben treten kann.

Fonny, der Freund von Tish, nun sitzt im Gefängnis - und Tish ist schwanger. Während sie in Rückblenden die Geschichte von dem Versuch erzählt, selbstbewusst und weitgehend unabhängig zu leben und zu lieben, schildert sie den Kampf ihrer Familie um den zukünftigen Vater ihres Kindes. Es ist ein Kampf um Stärke und Aufrichtigkeit, wenn die ganze Welt gegen einen zu sein scheint. Es ist das bange Ringen mit der Frage, ob sich der ganze Ärger rechtzeitig vor der Geburt auflösen und Fonny freikommen wird - eine Aussicht, die während all der verzweifelten Schritte, die Tish's Familie unternimmt, zunehmend sinkt.

Zion

Doch diese Erfahrung der eigenen Schwäche und der eigenen Kraft verändert bei allen Figuren etwas. Stellvertretend erzählt Tish das von ihrer Mutter, deren Reise bis in die Favelas von Puerto Rico – dem Wohnort einer weiteren, noch schlechter gestellten amerikanischen Minderheit – führt:

Auch sie sieht was, was sie vorher noch nie gesehen hat.

Das zweite, schmale Kapitel ist schlicht Zion überschrieben. Naht nun also doch die im ersten Kapitel so vehement negierte Erlösung? Baldwin versucht, einen Ausweg aus dem Beale Street Blues zu formulieren, eine Hoffnung, die nur in der Überwindung der alten, von Schuld und Hass befleckten Geschichte, und in Erkenntnis und Selbsterkenntnis bestehen kann.

If Beale Street Could Talk

Die Beale Street wird auch als "America's most iconic street" bezeichnet. Baldwin schreibt in der Vorbemerkung zu seinem Roman:

Alle "Nigger" stammen aus der Beale Street. Die Beale Street ist unser Erbe. Dieser Roman handelt von der Unmöglichkeit und von der Möglichkeit, von der absoluten Notwendigkeit, diesem Erbe Ausdruck zu geben. Die Beale Street ist eine laute Straße. Es bleibt dem Leser überlassen, aus dem Schlagen der Trommeln den Sinn herauszuhören.

Gut, dass es solch ohrenbetäubende Literatur gibt, um uns aufzuwecken. Möge es ihr gelingen.

Elizabeth H. Winthrop: Mercy Seat. Aus dem Englischen von Hansjörg Schertenleib. C.H.Beck 2018

James Baldwin: Beale Street Blues. Neuübersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Miriam Mandelkow. Mit einem Nachwort von Daniel Schreiber. Deutscher Taschenbuchverlag 2018. - Ein Special zur Neuveröffentlichung der Werke von James Baldwin gibt es hier: "James Baldwin ist überall"


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